Nur noch kurze Zeit - Gedanken zum Advent

Neulich an einer Supermarktkasse: Vor mir eine junge Mutter, den Einkaufswagen hoch bepackt. Auf dem Arme hält sie ihre kleine Tochter. Und die schreit sich die Seele aus dem Leib. Die kleinen Finger zielen auf das Regal mit Süssigkeiten neben der Kasse. Ich kann es förmlich spüren: Die Kleine will um jeden Preis eine der Köstlichkeiten, die dort in Mengen bereit liegen. Die Mutter versucht sie zu beruhigen, verweist auf die Süssigkeiten im Einkaufswagen. Aber es hat alles keinen Sinn: "Jetzt!" brüllt das Mädchen. "Jetzt!"

"Jetzt!" - dies Wort scheint mir immer mehr zum Leitwort zu werden. Und das keineswegs nur für die Kinder. "Erfüllen Sie sich Ihre Wünsche jetzt!" steht auf dem adventlichen Werbeprospekt in der Zeitung. "Jetzt kaufen, im Mai bezahlen!" steht darunter. Warten? Fehlanzeige!

Es sind also keineswegs nur die Kinder, die schwach werden. Unsere gesamte Konsum"kultur" beruht auf dem "Jetzt und gleich", auf der sofortigen Befriedigung unserer Wünsche. Wozu warten, wenn ich etwas auch sofort haben kann? Warten ist altmodisch, warten ist "out", ja "megaout", gerade in der Adventszeit.

Dabei geht es in diesen Wochen doch um das Warten, um Geduld. Um das Warten auf die Geburt Jesu Christi, das Kommen des Heilandes. Der Advent ist eine Zeit der Vorbereitung, der Vorfreude. All unsere Bräuche zeigen in diese Richtung: Die Kerzen auf dem Adventskranz, die Türchen des Adventskalenders, sie alle sagen: "Warte, hab Geduld, bald ist es soweit!" Aber, um geduldig zu sein, um warten zu können, brauche ich Vertrauen. Vertrauen darauf, daß sich das Warten lohnt.

Ein schönes Beispiel dafür findet sich im Jakobusbrief. Dort heißt es im 5. Kapitel:

"Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und den Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt euere Herzen; denn das Kommen des Herren ist nahe!"

 Ja, der Bauer kann geduldig sein, denn er weiß aus Erfahrung: Die Saat wird aufgehen, es wird alles so kommen, wie es soll. Aber wir? Woher soll sich unsere Geduld speisen? Warum sollen wir warten?

Ich möchte Sie einladen zum Vertrauen. Zum Vertrauen auf Gott, der unsere Welt nicht sich selbst überlassen hat, sondern in Jesus selbst zu uns gekommen ist. Der um unser Vertrauen wirbt und uns ruft.

Der Advent ist die Zeit, Vertrauen zu üben. Zeit, uns auf das zu besinnen, was uns versprochen ist: "Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht."

Davon erzählt jede Kerze, die wir anzünden und jedes der Türchen, die wir öffnen: Von dem Versprechen Gottes, bei uns zu sein, von seiner Nähe. Und von der Geduld, die nicht grundlos von uns gefordert ist.

Karin Neese

 

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